Regeln und Formen der Manndeckung

Autor: Jochen Breitenbach
Referat im Rahmen der C-Trainer-Ausbildung im Hessischen Handball-Verband

Der Schulung der individuellen Abwehrfähigkeit muss die Umsetzung im Wettkampf folgen; dazu liegt im gesamten Grundlagentraining der Schwerpunkt der Ausbildung in der Manndeckung, denn sie führt unter methodischen Gesichtspunkten zur Entwicklung der Spielfähigkeit und dient am besten der schnellen Weiterentwicklung der technisch-taktischen Fertigkeiten; zudem wird mit der Manndeckung im Wettkampf dem Spiel- und Bewegungsdrang der Jüngsten auf einfache und effektive Weise entsprochen.

Denn im Kinderhandball muss die kreative Entwicklung der Spiel- und Improvisationsfähigkeit neben der Spielfreude im Vordergrund stehen. Fest vorgegebene Bewegungsregeln und komplexe Wahrnehmungsaufgaben überfordern die Kinder. Sie können zunächst nur einfache Situationskonstellationen aufnehmen. Bei der Manndeckung steht die 1-gegen-1-Situation im Mittelpunkt; darauf können sich die Spieler konzentrieren und ihr gesamtes Können (und Wissen um die Grundtechniken) einsetzen und anwenden.

Aber auch im Aktivenbereich kann die Manndeckung angewendet werden; neben der häufigen Standardsituation bei Rückständen gegen Spielende sollten auch kurzfristig Manndeckungsformen praktiziert werden - beispielsweise bei Schiedsrichterwürfen im Mittelfeld, aus der Raumdeckungsformation situativ als Überraschungsmoment, bei der Gegenstoßabwehr in Rückzugsphasen oder bei der Überzahlabwehr.

Daß die Anwendung der Manndeckung - sozusagen als positive Nebenerscheinung - neben der optimalen Förderung des Abwehrverhaltens auch zur Weiterentwicklung des Angriffsspiels führt (durch das offensive Abwehrspiel sind die Angreifer individuell und auch mannschaftstaktisch stärker gefordert), kann nur ein zusätzliches Argument für diese Abwehrformation sein.

Regeln der Manndeckung

  1. Der Abwehrspieler befindet sich immer zwischen seinem Gegenspieler und dem eigenen Torraum.
  2. Er entfernt sich so weit vom Gegenspieler, daß er auch den Ball sehen kann (peripheres Sehen).
  3. Mit dem Abstand zum Gegenspieler und dem ständigen Beobachten wird auch verhindert, daß der Abwehrspieler überlaufen wird.
  4. Bei Ballbesitz des Gegenspielers in der Fernwurfzone weicht der Abwehrspieler von seinem Gegner zurück und verstellt den Durchbruch zur Wurfarmseite.
  5. Hat der Angreifer ein Dribbling beendet, dann nähert sich der Abwehrspieler, um die Abspiel- möglichkeiten zu reduzieren.
  6. Prellt der Angreifer, so versucht der Abwehrspieler, den Ball herauszuspielen.
  7. Der Abwehrspieler versucht durch Armeinsatz, die Anspielmöglichkeiten zu begrenzen.

1. Manndeckung über das ganze Spielfeld

  • Gegner wird extrem unter Druck gesetzt.
  • Angriffsspiel wird im Ansatz bereits gestört.
  • Hohe Anforderungen an Beinarbeit und im Spiel 1 gegen 1.
  • Im Nachwuchsbereich erst nach intensiverer Schulung einsetzbar.

2. Manndeckung in der eigenen Spielfeldhälfte

  • Gegner-Zuordnung nach Ballverlust noch möglich.
  • Noch hohe Anforderungen wegen der großen Räume.
  • Im Jugendbereich sinnvolle Anwendung.
  • Häufig angewendete Form der Manndeckung.

3. Manndeckung in Torkreisnähe

  • “Defensivste” Form der Manndeckung.
  • Zuordnung der jeweiligen Angreifer wird erleichtert.
  • Übergang in Raumdeckungs-Formation.
  • Regeln der Raumdeckung können Anwendung finden (Aushelfen, Übergeben).

4. Manndeckung in gestaffelter Aufstellungsform

  • Manndeckung dabei generell ab Torkreisnähe.
  • Ein oder mehrere Abwehrspieler beginnen mit Manndeckung vor/hinter der Mittellinie.
  • Einsatz sogenannter “Störer” kann auch taktisches Element sein.

5. Kombinierte Mann- und Raumdeckung

  • Manndeckung wird innerhalb einer Raumdeckung gespielt.
  • Formen wie 3–0+3 oder 4–0+2 (einzelne Spieler spielen eine Manndeckung).
  • Raumdeckende Spieler sollen allerdings offensiv an neun Meter verteidigen.
  • Insbesondere taktische Abwehrformationen.

6. Manndeckung in Überzahlsituationen in der eigenen Spielfeldhälfte

  • Keine Manndeckung bei großer Torentfernung.
  • Doppelsicherung durch “Libero” auf Ballhöhe (Ziel: stets Überzahl am Ballort).
  • Außenangreifer in der Außenspur eng decken.
  • In der Mittelspur agierende Angreifer werden mit Distanz gedeckt.
  • Verteidiger in Ballnähe orientieren sich stets am Verhalten des Ballhalters.
  • Taktische Aufgabe: Foulfrei spielen!

Schulung der Manndeckung

Die Manndeckung kann mit verschiedenen Spielformen eingeführt werden. Daneben sollten gezielte Übungsformen das Erlernen individueller Abwehrtechniken sicherstellen. Dabei kann das Individualtraining auch im Grundlagentraining einzelne Abwehrtechniken beinhalten, denn den Spielern muß frühzeitig die Möglichkeit gegeben werden, ein breites Spektrum an Abwehrtechniken zu erfahren und zu erlernen. Das Verhältnis von Spielen und Üben sollte dabei in etwa ausgeglichen sein.

Oftmals wird die Spielform des Parteiballs in diesem Zusammenhang als beispielhaft erwähnt. Betrachtet man die festgelegten Regeln der Manndeckung, so wird schnell deutlich, daß mit dem Parteiballspiel (welches das Halten des Balles in den eigenen Reihen als Ziel hat) bereits gegen die erste Grundregel der Manndeckung verstoßen wird. Das Parteiballspiel hat kein räumliches Ziel. Durch diese andere Grundordnung im Vergleich zum Handballspiel können weitere wichtige Ausbildungsschwerpunkte beim Parteiballspiel nicht eingehalten werden. So kann der Abwehrspieler bei Ballbesitz seines Gegenspielers nicht einfach zurücksinken und den Durchbruch zur Wurfarmseite verstellen; dem Angreifer beim Parteiball wäre hiermit vielmehr geholfen, da er dann ohne Behinderung eine der anderen drei Paß- und Laufrichtungen wählen könnte. Selbstverständlich werden andere Regeln der Manndeckung auch beim Parteiballspiel eingehalten; fest steht aber, daß die Spielform des Parteiballs nur teilweise sinnvoll ist, um die Manndeckung zu schulen.

Es gibt allerdings eine Reihe von Spielformen, die vom Aufbau und der Durchführung dem Handballspiel ähneln und wegen der einfacheren Regeln und Anforderungen besonders geeignet sind, um die Manndeckung im Nachwuchsbereich einzuführen und regelmäßig zu üben.

Beispielhaft seien nur Endlinien-, Matten-, Kasten-, Offentorhandball oder Rebounderball genannnt; es bieten sich außerdem viele Formen der kleinen und großen Sportspiele mit Regelvariationen an.

Voraussetzungen der Manndeckung

Für eine erfolgreiche Anwendung der Manndeckung muß auf die Schulung der individuellen Abwehrfähigkeit zurückgegriffen und aufgebaut werden. Mithin liegen die wichtigsten Voraussetzungen für die Manndeckung in folgenden Bereichen:

  • Gute physische Voraussetzungen (hohe Anforderungen an die Beinarbeit).
  • Beherrschen der Abwehrtechniken (Grundstellung zum Gegner).
  • Kenntnis und Einhalten der taktischen Grundprinzipien.
  • Spielantizipation (Spielverständnis und Einfühlungsvermögen).

Praxisteil

Für Vorübungen zur Schulung der Manndeckung siehe Skript “Individuelle Abwehrschulung”.

Spielform 1: Manndeckung ab der Mittellinie

Beide Mannschaften stellen sich in ihrer Spielhälfte - etwa einen Meter von der Mittel- linie entfernt - in einer Reihe auf. Der Trainer steht am Spielfeldrand und wirft Bälle in die verschiedenen Spielhälften. Die Mannschaft, die den Ball erhält, wird zum angreifenden Team. Die zweite Mannschaft erwartet hinter der Mittellinie die Angreifer.

Spielform 2: Parteiballspiel

Gruppe soll selbst erfahren, welche Probleme beim Parteiballspiel auftreten.
Hinzunahme des Prellverbots.
Konsequenz: Keine vernünftige Abwehrarbeit möglich.
Ergebnis: Parteiballspiel ist nur unzureichend geeignet.

Spielform 3: Linienball (Endlinienball)

Es werden zwei Mannschaften gebildet; die Teams erzielen dann ein Tor (Punkt) , wenn sie den Ball hinter einer bestimmten Linie ablegen. Der Gegner muß den Raum vor der Endlinie verteidigen und versuchen, den Ball hinter der gegenüberliegenden Linie abzu- legen. Die Spieler sollen die Endlinie dabei nicht überschreiten.

Hinweise

  • Veränderung des Spielfeldes je nach Größe der Gruppe.
  • Vorgaben, ob sofort oder erst ab der Mittellinie mannbezogen gedeckt werden soll.

Variation: Fliegerballspiel
Ein Punkt ist dann erzielt, wenn ein Spieler, der vor der Endlinie abspringt, den Ball von einem Mitspieler in der Luft erhält und mit gefangenem Ball hinter der Endlinie landet.

Variation: Berührungs-K.O.
Der Spieler, der von einem Abwehrspieler abgeschlagen (berührt/erfolgreich angegriffen) wird, darf den Ball nicht zum Punkterfolg hinter der Endlinie ablegen.

Regelvariationen: Prellverbot/Rückpaßverbot

Ein Prellverbot erscheint in der Abwehrschulung nicht sinnvoll, da die Handlungsalter- nativen des Angreifers stark reduziert werden (vgl. FELDMANN/ENGLER).

Vielmehr sollte regelmäßig die Variation Pflichtdribbling angewendet werden, da sie die Handlungsalternativen nach Ballerhalt für den Angreifer deutlich vergrößert und dadurch merklich höhere Anfordeungen an den Abwehrspieler stellt; zudem wird jeder Gegner bei offensiven Abwehrformationen im Wettkampf versuchen, das Feld mit Dribblings zu überwinden - so daß die Pflichtdribblingsvariation der Wettkampf- situation eher entspricht.

Spielform 4: Stoppt den Dribbler

Wie Endlinienball, nur daß die Angreifer den Ball ausschließlich nach hinten oder zur Seite passen - nach vorne darf nur gedribbelt werden. Der Ball darf zusätzlich nach der Annahme nicht direkt hinter der Endlinie abgelegt werden.

Die Abwehrspieler sollen in dieser Form den Dribbler stoppen, in dem sie ihn an die Spielfeldseite abdrängen, das Tempo reduzieren, den Ball versuchen herauszuspielen, den Angreifer zwingen, sein Dribbling zu beenden und dann Pässe abzufangen.

Hinweise:

  • Die Abwehr spielt auch hier nach den Regeln der Manndeckung. Die Abwehrspieler können je nach Leistungsstand bereits die Raumdeckungsregel “Aushelfen” bei Über- laufen des benachbarten Abwehrspielers anwenden.
  • Jedenfalls sollten die Abwehrspieler stets folgende Grundregeln des offensiven Abwehr- spiels anwenden:
  • Verstellen des Durchbruchs auf der Wurfarmseite.
  • Zurücksinken beim Durchbruchversuch des Angreifers.
  • Ball herausspielen oder Wurf blocken.

Korrekturen:
Sie sind in dieser Ausbildung besonders wichtig, da die Spieler aus diesen Spielformen nur etwas lernen können, wenn sie ständig eine Rückmeldung über ihr aktuellesVerhalten bekommen (individuelle und situationsspezifische Korrekturarbeit).

Variation:
Die Angreifer dürfen nach der Ballannahme nicht direkt weiterpassen, sondern müssen prellen (Pflichtdribbling); nach dem Dribbling ist der Paß erlaubt. Die Abwehrspieler sollen dadurch gezwungen werden, den richtigen Abstand zu den Angreifern zu halten.

Literaturangaben

  • H. Bredemeier, D. Späte, R. Schubert, K. Roth: Handball-Handbuch 2, Münster 1990
  • K. Euler: Individuelle Abwehrschulung In: ht, 2/1992, S. 19ff.
  • K. Feldmann, T. Engler: Offensives Abwehrspiel unveröffentlichtes Skript zur C-Trainer-Ausbildung im Hessischen Handballverband 1993
  • K. Feldmann, T. Engler: Schulungsschwerpunkte im weiblichen D-Kaderbereich des Hessischen Handball-Verbandes, ht 11/1990, S. 11ff.; ht 3/1992, S. 21ff.; ht 3/1993, S. 11ff.
  • D. Späte: Von der individuellen zur kollektiven Manndeckung ht 1/94, S. 3ff.
  • F. Taborsky, M. Tuma: Modernes Abwehrtraining, Handballsport Band 42, Mandelbachtal 1990