Die 1:5-Abwehrformation

Autor:Jochen Breitenbach
Referat im Rahmen der C-Trainer-Ausbildung im Hessischen Handball-Verband

Der Prämisse einer offensiven Abwehr wird im jüngeren Nachwuchsbereich mit der Manndeckung nachgekommen. Entsprechend der Entwicklung der Jugendlichen sollte im Grundlagentraining eine erste Raumdeckungs-Formation eingeführt werden.

Um einerseits dieser Vorgabe gerecht zu werden und andererseits dabei auch offensiv und aktiv in der Abwehr zu spielen, wählt man die 1:5-Abwehrformation.

Sie verbindet beide Vorgaben und ermöglicht somit, daß Kinder altersgemäß optimal gefördert werden (FELDMANN/ENGLER, Offensives Abwehrspiel) und ihre Spielfähigkeit weiter verbessern.

Die 1:5-Formation folgt dem Prinzip der Manndeckung; sie kann deshalb auch als Manndeckung außerhalb des 9-Meter-Raumes bezeichnet werden.

Die Einführung einer 1:5-Abwehr erfolgt ausschließlich durch Spielen in verschiedenen Standardsituationen. Allerdings ist Voraussetzung für ein erfolgreiches 1:5-Abwehrspiel, daß spezielle technische Fertigkeiten und individualtaktische Verhaltensweisen beherrscht werden. Diese Übungsbereiche müssen entsprechend ihrer Bedeutung auch isoliert geschult werden.

Schwerpunkte liegen dabei im technischen und taktischen Bereich:

Lauf- und Bewegungstechnik Antizipative Verhaltensweisen

(Beinarbeit und Armtechnik) (Grundsituationen mit den

Blocken entsprechenden Lauf- sowie

Abwehrverhalten 1 gegen 1 Bewegungstechniken)

Die individuelle Abwehrschulung bleibt daher im Grundlagentraining der Schwerpunkt der Ausbildung. Allerdings ist Voraussetzung für die 1:5-Abwehr, daß Vorerfahrungen mit der Manndeckung bestehen; in der Vorbereitung muß daher individuell geschult und in Manndeckung gespielt werden.

In der ersten Raumdeckungsformation dürfen die Jugendlichen nicht mit gruppentaktischen Regeln überflutet werden. Die Formation muß relativ einfach sein und soll nur wenige Verhaltensweisen zwingend vorschreiben. Nur dann kann gewährleistet werden, daß alle Jugendlichen - auch die Spät-und Quereinsteiger - beim Handballspiel ihre Chance erhalten.

Für diese Vorgaben bietet sich die 1:5-Formation im Grundlagentraining an. Fünf Spieler spielen in ihrem Abwehrraum etwa auf der Höhe der Freiwurflinie - ein Spieler deckt den gegnerischen Kreisläufer am Torkreis. Dadurch entstehen wenig Rückraumwürfe aber große Tiefenräume, die viele Situationen im 1 gegen 1 zur Folge haben.

Trotz der Einfachheit benötigt die 1:5-Abwehr - wie jede funktionierende Abwehrformation - bestimmte feste Abspracheregeln. Ohne Verständnis gibt es kein Mannschafts-Abwehrspiel.

Bei der 1:5-Abwehr sind folgende Regeln des offensiven Abwehrspiels einzuhalten:

1. Aktiv decken. Dabei wird der Gegenspieler frühzeitig bekämpft.

Bekämpferdeckung im Gegensatz zur defensiven 6:0-Formation.

Vorne-Mitte hat die größte Offensivwirkung.

Durch Attackieren bis 12 - 15 Meter vor dem Tor entstehen große Tiefenräume.

2. Hat der Angreifer ein Dribbling beendet, dann nähert sich der Abwehrspieler (Preß-

deckung), um die Anspielmöglichkeiten des Angreifers zu reduzieren.

In der 1:5-Abwehr bereits dann, wenn der Angreifer das Prellen beginnt.

Daher auch ständiger Körperkontakt in der 1:5-Abwehr.

Preßdeckung bedeutet zusätzliches Stören.

Anspielsituationen einschränken.

Fehler durch höheres Risiko der Angreifer provozieren.

3. Paß- und Kombinationsspiel stören und dadurch lange Pässe provozieren.

Starkes Attackieren ohne Ball.

Erweiterung der Regel 2.

Störaktionen vor allem durch Vorne-Mitte-Position.

Beginn des antizipativen Spiels.

Besonders sinnvoll bei druckvollem Angriffspiel.

Außerdem sind noch folgende formationsspezifische Verhaltensregeln zu beachten:

1. Jeder Abwehrspieler hat einen vorgegebenen Abwehrraum; in diesem ist er für seinen Gegenspieler verantwortlich.

Zuordnung der Angreifer auf die Abwehrspieler.

In der Regel (3:3-Angriff) bestehen fünf Abwehrräume.

Zunächst wird mannorientiert gespielt.

Später stets ballorientiert (Verdichten, Verschieben und Einrücken zur Ballseite).

Einführung der Querstellung (mit Drehschritt).

2. Angreifer, die im Rücken der Abwehr in die Nahwurfzone einlaufen, werden stets begleitet.

Häufige Reaktion des Angriffs auf eine 1:5 Abwehr ist das Einlaufen.

Anfangs ist jeder Abwehrspieler für seinen Angreifer verantwortlich (vgl. Regel 1).

Begleiten und dabei den Angreifer eng decken.

3. Bei Positionswechseln vor der Abwehr erfolgt ein Übergeben/Übernehmen durch den benachbarten Abwehrspieler.

Gruppentaktisches Zusammenspiel von zwei Abwehrspielern.

Nur bei Wechseln in der Fernwurfzone.

Voraussetzung ist, daß sich die Abwehrspieler auf einer Höhe befinden.

Bei Fortgeschrittenen evtl. auch mit dem Hinten-Mitte-Spieler.

4. Erste Sicherungs- und Hilfsfunktionen: Die Abwehrspieler versuchen, ihrem benachbarten Mitspieler zu helfen, wenn dieser beim 1 gegen 1 von seinem Gegenspieler überlaufen wird.

Prinzip jeder Raumdeckung ist das Helfen.

Spiel 1 gegen 1 ist besonders gefährlich.

Sinnvoll ist es daher, häufige 2 gegen 1 Situationen zu erzwingen.

Vor allem Hinten-Mitte (Libero) wird häufig helfen können.

Praxisteil

Bei der Einführung bzw. Erarbeitung der 1:5-Raumdeckung wird überwiegend mit der Standardsituation 3 gegen 3 begonnen. Selbstverständlich ist auch hier die technisch-taktische Ausbildung im Spiel 1 gegen 1 und 2 gegen 2 vorausgegangen.

3 gegen 3: Die Abwehrspieler Hinten-Links, Hinten-Rechts und Vorne-Mitte der 1:5-Abwehr spielen gegen drei Rückraumspieler in einem begrenzten Raum. Zusätzlich agieren zwei Anspieler auf den Außenpositionen.

Hinweis zum methodischen Aufbau:

Der Aktionsradius der Angreifer wird langsam ausgedehnt, um das Abwehrspiel suk- zessive zu erschweren.

1. Vorübung ohne Torwurf.

2. Spiel im 3 gegen 3 mit Torwurf

- reines Positionsspiel (ohne Positionswechsel)

- keine langen Pässe.

3. Spiel im 3 gegen 3 mit Positionswechsel.

4. Freies Spiel im 3 gegen 3 mit Wettkampfaufgaben.

Gleichzeitig werden die Aufgaben der Verteidiger schrittweise erweitert:

a) Offensives, aktives Bekämpfen und weites Zurücktreiben des Ballhalters.

b) Vorne-Mitte hilft aus, wenn Rückraum-Links oder -Rechts durchbrechen.

c) Abspiel stören.

d) Spielvariante für den Vorne-Mitte: gelegentliches überraschendes Heraustreten

gegen Rückraum-Mitte, wenn RL oder RR in Ballbesitz sind.

4 gegen 4: Das 3 gegen 3 wird um den Kreisläufer im Angriff und den Hinten-Mitte in der Abwehr erweitert. HM schirmt in dieser Aufstellung den KM stets ab (Abschirm- technik mit Handeinsatz!) und hilft bei Durchbruchaktionen aus.

Methodischer Hinweis:

Zwecks Lernerleichterung wird auch in dieser Form das Angreiferverhalten eingeschränkt. Der Kreisspieler soll sich wie folgt verhalten:

1. Kreisläufer steht zunächst nur an der Torraumlinie.

2. Anspielmöglichkeiten von den Rückraum-Positionen.

3. Auch die Außenpositionen dürfen anspielen.

5 gegen 5: Die Rückraum- und Außenspieler agieren gegen fünf Abwehrspieler. Diese Zwischenstufe ist nicht unbedingt erforderlich; die Vereinfachung liegt nur im Spiel ohne Kreis.

Methodischer Hinweis:
Durch die Hinzunahme der Außenpositionen ergeben sich folge methodischen Möglichkeiten für die Übungserweiterungen:

  1. Normales Heraustreten gegen die Außenspieler.
  2. Überraschende Abwehraktionen durch frühzeitiges Heraustreten.
  3. Aushelfen bei Durchbruchaktionen.
  4. Mitgehen, wenn Außenspieler ohne Ball in die Nahwurfzone starten.

6 gegen 6: Abschließendes Spiel. Das Abwehrtraining wird gerade durch Wettkampfformen interessant und motiviert die Spieler.

Variationsmöglichkeiten/Übungsschwerpunkte:

  • Spiel ohne Gegenstöße.
  • Wettkampfform in der Angriff (für Tore) und Abwehr (für Fehlversuche und Ballgewinn) jeweils einen Punkt bekommen.
  • 7m-Fouls der Abwehr werden mit zwei Strafpunkten geahndet.
  • Aktive Ballgewinne der Abwehr zählen zweifach.
  • Zeitliche Begrenzung des Angriffspiels.